Meinungsäußerung als psychische Erleichterung

Es tut gut, einmal so richtig viel Bullshit abzulassen und ohne Selbstzensur die Gedanken loszuwerden, egal, ob sie zusammenhangslos sind, egal, ob man Argumente hat. Es dient alles nur der psychischen Erleichterung. So viele Gedanken werden tagtäglich produziert und nur selten findet man einen interessanten. Es ist alles so bedeutungslos geworden. Was im Überfluss vorhanden ist, wird entwertet und niemand mag es mehr hören.

Früher war es vielleicht etwas Besonderes, wenn jemand es wagte, seine Meinung zu äußern, aber heute? Heute gehe ich einfach unter im Strom des Geblubbers oder werde davon geschwemmt wie eine tote Ratte. Wenn man möchte, findet man genug Leute, die zu streiten bereit sind. Aber möchte ich das? Möchte ich mein Leben mit Streitereien verbringen?

Bringt es wirklich die erhoffte psychische Erleichterung, seine Gedanken in die Welt zu schicken? Hoffen wir nicht viel mehr, dass sich jemand findet, der mit ihnen etwas anzufangen weiß? Ein Gleichgesinnter. Jemand mit ähnlichen Interessen und Ansichten, der uns bestärkt in dem, was wir für richtig halten. Stattdessen finden wir nur Widerspruch und steigen ein in die Debatte.

Sind wir eine Generation des Streits? Oder sind das immer nur die Anderen, die sich mit uns anlegen wollen? Die Trolle, die Hater, die Leute, die nichts zu tun haben. Schuld sind bekanntlich immer die Anderen und es lohnt nicht sich an die eigene Nase zu fassen.

Erst das Fressen, dann was?

Ich frage mich immer wieder, warum wir nicht alle unendlich glücklich sind. Wir leben doch im Schlaraffenland. Daran muss ich jedes Mal denken, wenn ich an den Bahnhofsbackshops vorbeikomme, die vollgestopft sind mit allerlei Leckereien, die für einen kleinen Taler zu erstehen sind. Das Essen kommt quasi zu uns. Nicht nur per Lieferservice. Es stellt sich uns in den Weg, wenn wir von A nach B wollen und verlockt uns, insofern wir noch nicht so übersättigt sind, dass wir den Blick dafür verloren haben.

Nicht nur Essen, auch materielle Dinge sind im Überfluss verhanden. Selbst wenn man so wenig Geld hat, dass man sich mit den Gebrauchsgegenständen abgeben muss, die andere Menschen wegwerfen, gibt es kaum etwas, worauf man verzichten muss. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe meine ganze Wohnung nach diesem Prinzip eingerichtet. Auch wenn man nicht viel Geld hat, kriegt man die lebensnotwendigen Dinge quasi hinterher geworfen.

Wir sind jetzt also satt und können uns um die Moral kümmern. Aber wir sind so überfressen, dass unser Gehirn gar nicht mehr arbeiten mag. Wir sind so abgelenkt von den blinkenden Bildern in unserem Handy, unserem Fernsehen, unseren Computern. Von den vielen Streitereien der Menschen zu Hause, auf Social Media, im Job, dass wir gar nicht dazu kommen uns um das Wesentliche zu kümmern.

Wir wissen auch gar nicht mehr, was das Wesentliche ist. Wusste es jemals irgendwer?
Selbst wenn man in den Strom der Selbsthilfeliteratur abtaucht, findet man nur Banalitäten. Über Werte wird zuweilen nachgedacht und ich sollte das loben, aber diese Werte sind immer einem Ziel untergeordnet und dienen nur dazu, die Motivation anzuheizen, auf dass man es schafft, sein Projekt durchzuziehen.

Glücklich sein ist zum Selbstzweck verkommen. Oder was noch schlimmer ist, es wird als Voraussetzung für Produktivität angesehen. Man hat inzwischen herausgefunden, dass die Kreativität der Mensch-Maschine schlechter arbeitet, wenn ihr Wirt unzufrieden ist. Aber wenn er zufrieden wäre, würde das Wirtschaftssystem zusammen brechen. Ein Problem, das schwerer wiegt, als der Klimawandel.