Mentaler Frühjahrsputz

Ich muss mein Hirn entleeren. Es ist mal wieder verstopft. Die negativen Gedanken durchweben alles, wie ein klebriges Spinnennetz, an dem alles hängen bleibt. Daher nehme ich einen großen Staubwedel und hole alles raus, was darin hängen geblieben ist.

Das sind fantastische Schätze. Hochtrabende Gedanken und wohlmeinende Gefühle. Auch Strahlen von Sonnenschein fege ich aus meinem Gehirn hervor. Die klebrigen Spinnweben haben sich derweil zu einer zähen Masse zusammengeschlossen, die wie Teer durch die Gedankengänge fließt.

Ich schätze, ich werde sie nicht ganz loswerden können. Aber vielleicht kann ich doch ein wenig davon ablassen und zusehen, wie es zähflüssig aus meinen Augenhöhlen hervorquillt und mir die Sicht raubt.

Das ist doch das Hauptproblem an negativen Gedanken. Sie vernebeln einem die Sinne und stören die Wahrnehmung empfindlich. Dort wo die rosarote Brille sitzen sollte, steht auf einmal ein dichter Nebel und man kann kaum drei Schritte weit blicken.

Wie soll man da nur weitreichende Entscheidungen treffen können?

Also zapfen wir den Gedankenmist ab und reichen ihn dem Mann zum Frühstück. Sieht aus wie Kaffee, riecht wie Veilchen und schmeckt wie Hustensaft. Hauptsache, ich fühle mich besser.

Es wäre zu schade, ihn einfach wegzukippen. Er hat seine Daseinsberechtigung. Es tut gut, sich bei Gelegenheit mal mit den substantielleren Zweifeln zu befassen. Viele von ihnen lassen sich schon allein vom Staubwedel verscheuchen, diejenigen, die als klebrige Masse übrig bleiben, bedürfen größerer Aufmerksamkeit.

Als letztes putze ich die Fenster zur Seele blitzeblank und setze mir die rosarote Brille auf. Irgendetwas muss man dieser strahlend hellen Positivität doch entgegen setzen.