Entschuldigung, mein Hirn ist explodiert

Und die schöne weiße Wand ist eingesaut. Aber egal!

Ich freue mich auf mein neues hirnloses Leben! Ist es nicht das, was wir alle wollen? Nehmt uns die Verantwortung, nehmt uns das Leiden, nehmt uns die Fragen, nehmt uns den Stress.

Lasst uns schlafen. Lasst uns arbeiten. Lasst uns tun, was wir tun müssen/sollen/wollen ohne diese belastende Content-Maschine, die ständig nörgelt, alles in Frage stellt, so unfassbar ängstlich ist und immerzu kritisiert.

Das einzige Organ, was ich spenden möchte, ist mein Gehirn. Das bitte als Postkarte! Danke.

Die wichtigste Frage

Die Content-Maschine in deinem Kopf

Fantasie nennt man sie. Einbildungskraft. Urteilsvermögen. Wobei die letzteren beiden voneinander unterschieden werden müssen, aber nicht in diesem Text. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, proklamierte Kant und obwohl dieser Spruch noch viel älter ist, so ist er doch aktueller denn je.

Die meisten Menschen bilden sich ja ein, sie würden ihren Verstand gebrauchen, indem sie sich eine Meinung bilden und diese auf Social Media kund tun. Dass diese Meinung aber auf Gefühlen, Instinkten und Vorurteilen basiert, ist den meisten nicht bewusst.

Ich zweifle, also bin ich

Descartes sagt, man solle sich (mindestens) einmal im Leben entschließen, „an Allem zu zweifeln, wo der geringste Verdacht einer Ungewissheit angetroffen wird.“ Das bedeutet aber nicht, dass man alle Politiker unter Generalverdacht stellen und alle Youtuber als zuverlässige Erkenntnisquelle akzeptieren sollte.

Im Gegenteil bedeutet es davon auszugehen, dass jedes meiner Gegenüber mich anlügen könnte, alle Aussagen subjektiv sind und Irrtümer enthalten könnten. Ich vermisse im aktuellen Diskurs diese Demut mit der Descartes sich hingesetzt hat und sagte: Vielleicht täuscht mich ein böser Dämon über alles, was ich weiß.

Hinterfrage alles

Diese Haltung ist nicht modern und ich denke, dass sie es niemals war, denn sonst hätte Descartes nicht so einen durchschlagenden Erfolg gehabt. Auch das Dogma „Hinterfrage alles“ führt zu einem Zirkelschluss. Denn „Warum?“ sollte man alles hinterfragen.

Trotzdem glaube ich, dass in unserer Welt zu viel gebrüllt und zu wenig gefragt wird. Fragen bedeutet immer auch Verletzlichkeit. Schließlich begibt man sich in die Position des Unterlegenen. Man muss nicht unbedingt „Warum“ fragen. Das führt oft genug zu unbefriedigenden Antworten.

Die wichtigste Frage

Ich glaube, die wichtigste Frage, die wir uns heute stellen müssen, ist die Frage: „Wer profitiert davon?“ Denn unsere auf Ausbeutung basierende Welt ist so eingerichtet, dass es immer, immer, immer jemanden gibt, der profitiert. Wenn wir daher diese Frage beantworten können, wissen wir zumindest schon einmal, woher der Wind weht.

Alle anderen Fragen sind natürlich auch wichtig, zum Beispiel die Fragen „Was können wir (dagegen) tun?“ und „Wie können wir es ändern?“ Aber bevor wir die Situation nicht vorurteilsfrei analysiert haben, können wir diese Fragen nicht sinnvoll stellen.

Welche weiteren Fragen müssen wir unbedingt stellen?

Mein Leben mit mir

Mit dem Jammern ist es wie mit dem Rauchen. Es stört alle in deiner Umgebung und fügt dir selbst nur Schaden zu. Trotzdem ist es verdammt schwer damit aufzuhören. Man suhlt sich ja auch so gerne in seinem Selbstmitleid. Es ist der Inbegriff der Komfortzone.

Ja klar, ich will nicht verallgemeinern und vielleicht geht es dir ganz anders und du suhlst dich nie im Selbstmitleid. Ich versuche ja auch, es zu vermeiden. Versuche, die fiesen Gedanken zu vertreiben und mich abzulenken, meine Energie auf produktive Weise gedanklich zu nutzen und mir Wie-Fragen statt Warum-Fragen zu stellen.

Mein bestes Ich bist Du

Wann hat das eigentlich mit diesen Selbstverbesserungs-Onlinekursen angefangen und seit wann will jeder sein „bestes Ich“ sein? Ist das nicht eine Vergeudung menschlicher Ressourcen? Früher wollte ich wie Kant sein oder wenigstens wie Nietzsche. Ich wollte nicht so bleiben, wie ich bin, nur besser. Kommt man da überhaupt vorwärts oder redet man sich nur ein, heute ein besserer Mensch als gestern zu sein?

Vielleicht bin ich zynisch oder größenwahnsinnig, aber man sollte sich bei Vorbildern doch an anderen Menschen orientieren und sich inspirieren lassen. Was die geschafft hat, kann ich auch schaffen. Und wenn es nur das Informatikstudium ist, zu dem man sich erst dann traut, wenn man erfährt, dass eine Ehemalige deiner Schule es bestanden hat.

Mut tut gut

Ja, wir brauchen weibliche Vorbilder. Ich habe sie gebraucht und ich bin hier in meinem Blog bekanntlich das Maß aller Dinge. Ich möchte mich nicht nur an mir selbst orientieren und in Babyschritten vorankommen. Manchmal braucht man Mut von außerhalb. Und oft braucht man Jemanden, der einem gut zuredet. Ich rede mir daher immer selbst gut zu. Auch und gerade wenn ich mich im Selbstmitleid suhle.

„Es ist, wie es ist.“
„Du schaffst das!“

Es klingt esoterisch, aber es hilft, sich selbst auf die Schulter zu klopfen. Wie das mit den Affirmationen läuft, habe ich allerdings noch nicht verstanden. Man muss das ja auch glauben, was man sich selbst einzureden versucht. Das Sich-Selbst-etwas-Einreden birgt Gefahren. Wenn man nämlich zu sehr an sich selbst glaubt, rennt man überall gegen gläserne Wände. Das tut weh!

Es reicht eigentlich nie

Was habe ich daraus gelernt? Es reicht nicht, an sich selbst zu glauben. Es ist nur der erste Schritt. Eine notwendige Bedingung, aber keine hinreichende. Es ist besser an sich selbst zu glauben, aber die Welt hält dir trotzdem ihre größten Windmühlen entgegen. Sie sagen: Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Das halte ich für Unsinn.

Es ist nämlich verdammt schwer, wirklich zu versagen. Das klappt doch nur in einem Wettbewerb oder bei einer Klausur. In der Realität weiß man nie, wann der Punkt gekommen ist, an dem man wirklich versagt hat. Man könnte weitermachen. Aber will man das? Also gibt man auf. Und das ist dann okay.

Bedecke deinen Himmel

Gedicht AbiseiteSchreib nur, schreib.
schreib, was du weißt,
was du gelernt hast.
Denk nicht nach.
es gibt keine Fragen.
nur Antworten;
die du auswendig lernst.

Funktioniere nur, funktioniere.
so wie die um dich herum,
die du jeden Tag siehst.
Namen ohne Herzen,
so wie du leere Hüllen.
Mensch und Alltag
isoliert.

Sprich nur, sprich.
du weißt, was du sagen musst.
ohne, dass jemand befahl.
Deine Meinung ist die der anderen.
du willst dasselbe wie sie.
Schlüsselqualifikation Homogenität
perfektioniert.

Nun wartest du.
auf den Stoß ins kalte Wasser.
pass dich an, Inhaltsloser.
Hunderte warten dich zu ersetzen.
Hunderte deiner Sorte.
Einzigartigkeit wird inhaltslos,
so wie du.

Veröffentlicht im Abiturbuch des Abiturjahrgangs 2007 des F.F. Runge Gymnasiums Oranienburg