Stillstand des Hamsterrads

Das Erwachsenenleben ist nicht nur für Superhelden schwierig. Ständig muss man präsent sein und Leistung bringen. Es werden vielerlei Erwartungen an einen gestellt, der Haushalt muss in Ordnung sein, ernähren muss man sich irgendwie und dann ist da noch der Job, in dem man bestimmte Aufgaben erfüllen muss, die sich stets wiederholen. Gelegentlich passiert mal etwas Neues, aber im Großen und Ganzen begegnen einem vertraute Situationen.

Andere haben dafür das Wort Hamsterrad geprägt. Ich lehne es ab. Ein Hamsterrad ist ein Spielzeug. Für Hamster. Es muss nicht täglich 8 Stunden gedreht werden, sondern nur, wenn der Hamster Lust drauf hat. Dass die Welt sich stets weiter dreht und einem die ewig selbe Soße präsentiert, ist ein Problem, das weder mit der Berufstätigkeit oder der Arbeitsgesellschaft noch mit dem Hamsterleben etwas zu tun hat.

Man merkt es am ehesten nach einem Verlust. Ob man nun einen geliebten Menschen, den Job oder einfach den Verstand verloren hat, man wünscht sich, die Welt stünde still wie ein leeres Hamsterrad. Tut sie aber nicht. Wie doof. Das ist es doch, was das Leben als solches so anstrengend macht. Man kann nicht einfach aussteigen. Selbst wenn man sich eine Pause gönnt und mal was anderes tut, steht die Welt nicht still und man muss sich gegebenenfalls auf Neuheiten einstellen.

Nun sind Neuheiten aber etwas, das uns mit zunehmendem Alter schwerer fällt. Wir lieben unseren Alltag und machen es uns darin gemütlich. Trägheit ist das. Ob man nun in gleichbleibender Bewegung ist oder in der Ruhe, man möchte darin verweilen. Gewohnheiten sind darum der Schlüssel zu einem erfüllten Leben. Und es scheint so banal zu sein, dass man gar nicht verstehen kann, wie sich die neueste Selbsthilfegeneration so auf ein Thema einschießen konnte, das doch seit Aristoteles common sense sein sollte.

Aber ich schweife ab. Viel zu viel wird von einem gefordert, denn die Welt wird immer komplexer, immer kompetetiver und immer voller. Es wird gemeinhin behauptet, unsere Generation würde das Erwachsenenleben ablehnen und hätte andere Prioritäten im Leben.

Vielleicht haben wir aber auch keinen Bock uns dieser ständigen Überforderung auszusetzen und sind einfach eine Biedermeier-Generation. Zurück ins kuschelige Privatleben. Zurück in überschaubare Verhältnisse. Zurück in kindliche Neugier und kalkulierbare Risiken. Dabei helfen wir uns gegenseitig mit Youtube-Videos und Blogartikeln. Wir fassen uns an den Händen und finden Lösungen für jedes Problem. Solange es sich auf ein kleineres zurückführen lässt. Schritt für Schritt erweitern wir unseren Horizont und versuchen, die Welt ein Stückchen besser zu machen.

Zumindest hoffe ich, dass es so ist. Veränderungen geschehen nur langsam, auch wenn uns angekündigt wurde, dass wir uns an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter befinden. Die digitale Revolution hat sich bisher noch nicht verwirklicht. Es kommt noch viel auf uns zu und wir müssen uns derweil mit dem Erwachsenenleben rumschlagen, völlig gleich ob wir nun bereit dafür sind oder nicht.

Seelische Gesundheit, unterdrückte Agressionen und Hass

Seelische Gesundheit ist ein Thema, das mir unter den Nägeln brennt und zwar nicht meine eigene, die ist zur Zeit gegeben, sondern der Begriff als solches. Ich denke, man kann seelische Gesundheit als Abweichung von der Norm plus Leidensdruck definieren. Denn die Abweichung von der Norm genügt als solche nicht, um irgendeinen Hahn krähen zu lassen. Vielleicht irre ich mich hierin aber auch.

Andererseits existiert vielleicht auch viel Leidensdruck dort, wo keine Abweichungen von der Norm bestehen. Bei den Normalen also. Denjenigen, die bei Okcupid schreiben, sie mögen tiefgründige Gespräche und Reisen oder denen, die bei Bumble angeben, sie gehen gern brunchen, auf Flohmärkte, trinken Wein und machen Yoga. Bei Tinder sucht man solche Angaben vergeblich.

In einer Welt von mehr als 7 Milliarden Menschen ist jeder so crazy und individuell, wie seine Anpassung an den Mainstream es ihm erlaubt. Dass es diesen Mainstream überhaupt noch gibt, ist etwas, das mich immer wieder in Erstaunen versetzt. Es gibt einen globalen Diskurs oder zumindest sieht es aus der jeweiligen Filterblase so aus, denn vielleicht wird dieser Diskurs nur von Minderheiten bestimmt und ist für den Großteil der Menschen völlig irrelevant.

Ist dies das Cogito des 21. Jahrhunderts? Ich blubbere, also bin ich. Immernoch versuchen die Menschen zu größeren Gruppen dazuzugehören. Es liegt in ihrer Natur und ist doch so verachtenswert. Ich finde es vor allem in meiner eigenen Person verachtenswert. Gerade kürzlich erst habe ich gelernt, wie sehr ich mich eigentlich an mein Umfeld anpasse, an die Erwartungen, die an mich gestellt werden und denen ich gerecht zu werden, versuche.

Klar würde ich mich am liebsten davon frei machen und dem Rest der Welt den Kampf ansagen. Mein pazifistisches Bewusstsein ist aber viel zu stark geworden, um irgendjemandem den Krieg zu erklären. Diplomatie ist die Kunst der Stunde und damit die Anpassung.

Mich nervt es ja eigentlich nur, wenn Menschen behaupten sie seien anders. Denn eigentlich ist niemand von uns anders. Wir sind alle auf vielfältigste Weisen gleich und wollen im Großen und Ganzen dasselbe. Das muss doch jeder einsehen können, denke ich mir und echauffiere mich über jene, die offensichtlich nicht sehen, dass sie nur Plattitüden produzieren während sie ihre halbgare Individualität in die Welt hinausblasen.

Und doch kommt man auch mit Arroganz nicht weit. In der Leistungsgesellschaft vielleicht schon, in meinem Ansehen aber nicht. Da ich aber auch weiterhin in meinem Kopf stecken werde, muss ich mir selbst in die Augen blicken und Selbstgespräche führen können, wie Sokrates schon sagte.