Seelische Gesundheit, unterdrückte Agressionen und Hass

Seelische Gesundheit ist ein Thema, das mir unter den Nägeln brennt und zwar nicht meine eigene, die ist zur Zeit gegeben, sondern der Begriff als solches. Ich denke, man kann seelische Gesundheit als Abweichung von der Norm plus Leidensdruck definieren. Denn die Abweichung von der Norm genügt als solche nicht, um irgendeinen Hahn krähen zu lassen. Vielleicht irre ich mich hierin aber auch.

Andererseits existiert vielleicht auch viel Leidensdruck dort, wo keine Abweichungen von der Norm bestehen. Bei den Normalen also. Denjenigen, die bei Okcupid schreiben, sie mögen tiefgründige Gespräche und Reisen oder denen, die bei Bumble angeben, sie gehen gern brunchen, auf Flohmärkte, trinken Wein und machen Yoga. Bei Tinder sucht man solche Angaben vergeblich.

In einer Welt von mehr als 7 Milliarden Menschen ist jeder so crazy und individuell, wie seine Anpassung an den Mainstream es ihm erlaubt. Dass es diesen Mainstream überhaupt noch gibt, ist etwas, das mich immer wieder in Erstaunen versetzt. Es gibt einen globalen Diskurs oder zumindest sieht es aus der jeweiligen Filterblase so aus, denn vielleicht wird dieser Diskurs nur von Minderheiten bestimmt und ist für den Großteil der Menschen völlig irrelevant.

Ist dies das Cogito des 21. Jahrhunderts? Ich blubbere, also bin ich. Immernoch versuchen die Menschen zu größeren Gruppen dazuzugehören. Es liegt in ihrer Natur und ist doch so verachtenswert. Ich finde es vor allem in meiner eigenen Person verachtenswert. Gerade kürzlich erst habe ich gelernt, wie sehr ich mich eigentlich an mein Umfeld anpasse, an die Erwartungen, die an mich gestellt werden und denen ich gerecht zu werden, versuche.

Klar würde ich mich am liebsten davon frei machen und dem Rest der Welt den Kampf ansagen. Mein pazifistisches Bewusstsein ist aber viel zu stark geworden, um irgendjemandem den Krieg zu erklären. Diplomatie ist die Kunst der Stunde und damit die Anpassung.

Mich nervt es ja eigentlich nur, wenn Menschen behaupten sie seien anders. Denn eigentlich ist niemand von uns anders. Wir sind alle auf vielfältigste Weisen gleich und wollen im Großen und Ganzen dasselbe. Das muss doch jeder einsehen können, denke ich mir und echauffiere mich über jene, die offensichtlich nicht sehen, dass sie nur Plattitüden produzieren während sie ihre halbgare Individualität in die Welt hinausblasen.

Und doch kommt man auch mit Arroganz nicht weit. In der Leistungsgesellschaft vielleicht schon, in meinem Ansehen aber nicht. Da ich aber auch weiterhin in meinem Kopf stecken werde, muss ich mir selbst in die Augen blicken und Selbstgespräche führen können, wie Sokrates schon sagte.

Zwischenmenschliche Beziehungen als Kunst – Warum eigentlich nicht?

Babies, die keine Liebe bekommen, sterben. Das wurde vor Jahrhunderten in einem grausamen Experiment bewiesen. Wir Menschen sind soziale Tiere und wir brauchen die Anderen, um uns selbst zu erkennen und Ordnung in unsere Gedanken zu bringen. Es gibt sprachliche Standards, an die wir uns halten müssen, um unsere Innenwelt reflektieren zu können. Das muss in meinen Augen ästhetisch verstanden werden: Form und Inhalt sind untrennbar miteinander verknüpft.

Im Umgang mit unserem Innenleben sind wir demnach Künstler. Wir formen unsere Gedanken so, dass Andere dabei etwas empfinden und uns nachvollziehen können. Alltägliche Sprechakte sind anders als Texte oder Theater spontan und improvisiert und damit eine der höchsten Formen der Kunst. Mit dieser Kunst gestalten wir zwischenmenschliche Bindungen, ein Netzwerk, das unseren Platz in der Welt bestimmt.

Ein wirklich faszinierendes Thema, auf das ich da gestoßen bin und das sich in alle Richtungen ausbauen lässt. Tatsächlich ist der Aufbau von Freundschaften und losen Kontakten ein Handwerk, das sich erlernen lässt. Es gibt da so viele Ansätze, über die ich mich noch informieren muss. Gewaltfreie Kommunikation ist nur einer davon. Auch der Umgang mit zwischenmenschlichen Konflikten lässt sich erlernen. Vor allem wird er einfacher, je mehr man reflektiert, was unbedingt vom Grübeln abgegrenzt werden muss.

Vielleicht sollte ich doch noch einmal Psychologie studieren, denn der Ansatz das menschliche Miteinander als Kunst zu betrachten, gefällt mir außerordentlich. Klar müsste ich mich auch mit ästhetischen Konzepten auseinander setzen. Und den sozialen Institutionen, die uns formen, prägen und einschränken. Was ist eigentlich Kunst, ist die nächste Frage, die zu stellen ist und die ich heute noch nicht beantworten werde.

Ab wann etwas als Kunst gilt, ist eine Frage, die viel diskutiert wird. In diese unselige Debatte werde ich einsteigen müssen. Die Geister scheiden sich immer am Können, denn dies ist nur schwer messbar. Gerade in der Psychologie wird aber versucht alles zu messen, obwohl sich der Gegenstand Mensch dem oft widersetzt.

Kommunikation und den Aufbau und Erhalt zwischenmenschlicher Beziehungen als Kunst zu verstehen, würde dazu führen, diese als erlernbar anzusehen und könnte damit ein wertvoller Beitrag sein, die seelischen Nöte vieler Menschen zu lindern. Mein Experiment Sozialleben hat also eine neue Dimension bekommen und ist umso relevanter geworden. Ich freue mich, wenn viele Menschen ihre klugen Gedanken dazu mit mir teilen.