Mein Leben mit mir

Mit dem Jammern ist es wie mit dem Rauchen. Es stört alle in deiner Umgebung und fügt dir selbst nur Schaden zu. Trotzdem ist es verdammt schwer damit aufzuhören. Man suhlt sich ja auch so gerne in seinem Selbstmitleid. Es ist der Inbegriff der Komfortzone.

Ja klar, ich will nicht verallgemeinern und vielleicht geht es dir ganz anders und du suhlst dich nie im Selbstmitleid. Ich versuche ja auch, es zu vermeiden. Versuche, die fiesen Gedanken zu vertreiben und mich abzulenken, meine Energie auf produktive Weise gedanklich zu nutzen und mir Wie-Fragen statt Warum-Fragen zu stellen.

Mein bestes Ich bist Du

Wann hat das eigentlich mit diesen Selbstverbesserungs-Onlinekursen angefangen und seit wann will jeder sein „bestes Ich“ sein? Ist das nicht eine Vergeudung menschlicher Ressourcen? Früher wollte ich wie Kant sein oder wenigstens wie Nietzsche. Ich wollte nicht so bleiben, wie ich bin, nur besser. Kommt man da überhaupt vorwärts oder redet man sich nur ein, heute ein besserer Mensch als gestern zu sein?

Vielleicht bin ich zynisch oder größenwahnsinnig, aber man sollte sich bei Vorbildern doch an anderen Menschen orientieren und sich inspirieren lassen. Was die geschafft hat, kann ich auch schaffen. Und wenn es nur das Informatikstudium ist, zu dem man sich erst dann traut, wenn man erfährt, dass eine Ehemalige deiner Schule es bestanden hat.

Mut tut gut

Ja, wir brauchen weibliche Vorbilder. Ich habe sie gebraucht und ich bin hier in meinem Blog bekanntlich das Maß aller Dinge. Ich möchte mich nicht nur an mir selbst orientieren und in Babyschritten vorankommen. Manchmal braucht man Mut von außerhalb. Und oft braucht man Jemanden, der einem gut zuredet. Ich rede mir daher immer selbst gut zu. Auch und gerade wenn ich mich im Selbstmitleid suhle.

„Es ist, wie es ist.“
„Du schaffst das!“

Es klingt esoterisch, aber es hilft, sich selbst auf die Schulter zu klopfen. Wie das mit den Affirmationen läuft, habe ich allerdings noch nicht verstanden. Man muss das ja auch glauben, was man sich selbst einzureden versucht. Das Sich-Selbst-etwas-Einreden birgt Gefahren. Wenn man nämlich zu sehr an sich selbst glaubt, rennt man überall gegen gläserne Wände. Das tut weh!

Es reicht eigentlich nie

Was habe ich daraus gelernt? Es reicht nicht, an sich selbst zu glauben. Es ist nur der erste Schritt. Eine notwendige Bedingung, aber keine hinreichende. Es ist besser an sich selbst zu glauben, aber die Welt hält dir trotzdem ihre größten Windmühlen entgegen. Sie sagen: Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Das halte ich für Unsinn.

Es ist nämlich verdammt schwer, wirklich zu versagen. Das klappt doch nur in einem Wettbewerb oder bei einer Klausur. In der Realität weiß man nie, wann der Punkt gekommen ist, an dem man wirklich versagt hat. Man könnte weitermachen. Aber will man das? Also gibt man auf. Und das ist dann okay.

Mentaler Frühjahrsputz

Ich muss mein Hirn entleeren. Es ist mal wieder verstopft. Die negativen Gedanken durchweben alles, wie ein klebriges Spinnennetz, an dem alles hängen bleibt. Daher nehme ich einen großen Staubwedel und hole alles raus, was darin hängen geblieben ist.

Das sind fantastische Schätze. Hochtrabende Gedanken und wohlmeinende Gefühle. Auch Strahlen von Sonnenschein fege ich aus meinem Gehirn hervor. Die klebrigen Spinnweben haben sich derweil zu einer zähen Masse zusammengeschlossen, die wie Teer durch die Gedankengänge fließt.

Ich schätze, ich werde sie nicht ganz loswerden können. Aber vielleicht kann ich doch ein wenig davon ablassen und zusehen, wie es zähflüssig aus meinen Augenhöhlen hervorquillt und mir die Sicht raubt.

Das ist doch das Hauptproblem an negativen Gedanken. Sie vernebeln einem die Sinne und stören die Wahrnehmung empfindlich. Dort wo die rosarote Brille sitzen sollte, steht auf einmal ein dichter Nebel und man kann kaum drei Schritte weit blicken.

Wie soll man da nur weitreichende Entscheidungen treffen können?

Also zapfen wir den Gedankenmist ab und reichen ihn dem Mann zum Frühstück. Sieht aus wie Kaffee, riecht wie Veilchen und schmeckt wie Hustensaft. Hauptsache, ich fühle mich besser.

Es wäre zu schade, ihn einfach wegzukippen. Er hat seine Daseinsberechtigung. Es tut gut, sich bei Gelegenheit mal mit den substantielleren Zweifeln zu befassen. Viele von ihnen lassen sich schon allein vom Staubwedel verscheuchen, diejenigen, die als klebrige Masse übrig bleiben, bedürfen größerer Aufmerksamkeit.

Als letztes putze ich die Fenster zur Seele blitzeblank und setze mir die rosarote Brille auf. Irgendetwas muss man dieser strahlend hellen Positivität doch entgegen setzen.

Internettagebücher

Ich möchte hier nicht nur über das Schreiben schreiben, aber ich möchte auch nicht zu persönlich werden. Je weniger persönlich meine Texte sind, desto uninteressanter sind sie jedoch. Es wäre schön, ein Thema zu haben, zum Beispiel ein Nachhaltigkeitsblog auf dem ich meine Fortschritte in dieser Richtung dokumentiere. Nur habe ich auf so ein Blog keinen Bock.

Die Zeiten, in denen man mit Internettagebüchern virtuelle Freunde finden konnte, sind wohl vorbei. Ich habe sie noch erlebt. Als Teenager habe ich anonym meine Probleme mit der Welt geteilt und Zuspruch bekommen. Heutzutage sind alle Blogs durchprofessionalisiert und folgen der Verwertungslogik. Was wirklich schade ist.

Hinzu kommt, dass ich andere Wege gefunden habe, mit meinem Kummer umzugehen. Ich behalte ihn nun mehr für mich. Schreibe ihn in mein privates Tagebuch, wo kein Auge ihn jemals sehen wird. Ich wünsche mir wieder eine private WordPressinstallation zu haben, wo ich richtig Scheibe spielen kann. Nach dem Verlust meiner letzten Installation scheint dies jedoch kein sicherer Ort für meine Daten. Also schreibe ich weiterhin ins Internet, wenn auch eher unregelmäßig.

Da ich aber nicht über meine Probleme rumlamentieren will, weiß ich auch nicht so recht, was ich sagen soll. Ein Ort für Gedankenmüll sollte dies sein. Nur wird der Gedankenmüll in meinem Kopf immer weniger. Ich bin zu viel mit anderen Dingen beschäftigt. Die tägliche Erwerbstätigkeitsmaschinerie lenkt mich ab und hindert mich daran zu versumpfen. Es hat also doch Vorteile dieses Hamsterrad.

Ausleben und entfalten kann ich mich zwar nicht, aber ich bin doch zumindestens beschäftigt und kann mich nicht mit meinen Jammereien befassen. Zufrieden bin ich mit meinem Leben wirklich nicht, aber was solls? Es könnte alles so viel schlimmer sein.

Meinungsäußerung als psychische Erleichterung

Es tut gut, einmal so richtig viel Bullshit abzulassen und ohne Selbstzensur die Gedanken loszuwerden, egal, ob sie zusammenhangslos sind, egal, ob man Argumente hat. Es dient alles nur der psychischen Erleichterung. So viele Gedanken werden tagtäglich produziert und nur selten findet man einen interessanten. Es ist alles so bedeutungslos geworden. Was im Überfluss vorhanden ist, wird entwertet und niemand mag es mehr hören.

Früher war es vielleicht etwas Besonderes, wenn jemand es wagte, seine Meinung zu äußern, aber heute? Heute gehe ich einfach unter im Strom des Geblubbers oder werde davon geschwemmt wie eine tote Ratte. Wenn man möchte, findet man genug Leute, die zu streiten bereit sind. Aber möchte ich das? Möchte ich mein Leben mit Streitereien verbringen?

Bringt es wirklich die erhoffte psychische Erleichterung, seine Gedanken in die Welt zu schicken? Hoffen wir nicht viel mehr, dass sich jemand findet, der mit ihnen etwas anzufangen weiß? Ein Gleichgesinnter. Jemand mit ähnlichen Interessen und Ansichten, der uns bestärkt in dem, was wir für richtig halten. Stattdessen finden wir nur Widerspruch und steigen ein in die Debatte.

Sind wir eine Generation des Streits? Oder sind das immer nur die Anderen, die sich mit uns anlegen wollen? Die Trolle, die Hater, die Leute, die nichts zu tun haben. Schuld sind bekanntlich immer die Anderen und es lohnt nicht sich an die eigene Nase zu fassen.

Erst das Fressen, dann was?

Ich frage mich immer wieder, warum wir nicht alle unendlich glücklich sind. Wir leben doch im Schlaraffenland. Daran muss ich jedes Mal denken, wenn ich an den Bahnhofsbackshops vorbeikomme, die vollgestopft sind mit allerlei Leckereien, die für einen kleinen Taler zu erstehen sind. Das Essen kommt quasi zu uns. Nicht nur per Lieferservice. Es stellt sich uns in den Weg, wenn wir von A nach B wollen und verlockt uns, insofern wir noch nicht so übersättigt sind, dass wir den Blick dafür verloren haben.

Nicht nur Essen, auch materielle Dinge sind im Überfluss verhanden. Selbst wenn man so wenig Geld hat, dass man sich mit den Gebrauchsgegenständen abgeben muss, die andere Menschen wegwerfen, gibt es kaum etwas, worauf man verzichten muss. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe meine ganze Wohnung nach diesem Prinzip eingerichtet. Auch wenn man nicht viel Geld hat, kriegt man die lebensnotwendigen Dinge quasi hinterher geworfen.

Wir sind jetzt also satt und können uns um die Moral kümmern. Aber wir sind so überfressen, dass unser Gehirn gar nicht mehr arbeiten mag. Wir sind so abgelenkt von den blinkenden Bildern in unserem Handy, unserem Fernsehen, unseren Computern. Von den vielen Streitereien der Menschen zu Hause, auf Social Media, im Job, dass wir gar nicht dazu kommen uns um das Wesentliche zu kümmern.

Wir wissen auch gar nicht mehr, was das Wesentliche ist. Wusste es jemals irgendwer?
Selbst wenn man in den Strom der Selbsthilfeliteratur abtaucht, findet man nur Banalitäten. Über Werte wird zuweilen nachgedacht und ich sollte das loben, aber diese Werte sind immer einem Ziel untergeordnet und dienen nur dazu, die Motivation anzuheizen, auf dass man es schafft, sein Projekt durchzuziehen.

Glücklich sein ist zum Selbstzweck verkommen. Oder was noch schlimmer ist, es wird als Voraussetzung für Produktivität angesehen. Man hat inzwischen herausgefunden, dass die Kreativität der Mensch-Maschine schlechter arbeitet, wenn ihr Wirt unzufrieden ist. Aber wenn er zufrieden wäre, würde das Wirtschaftssystem zusammen brechen. Ein Problem, das schwerer wiegt, als der Klimawandel.